Montag, 22. August 2011

Mittendrin statt nur dabei: Demos in Valpo

Aus aktuellem Anlass (am 25. und 26. August fallen alle Vorlesungen aus Sicherheitsgründen aus, da ein nationaler Protest angekündigt wurde) ein kleiner Zwischenbericht über die Situation hier. Für alle, die es noch nicht mitgekriegt haben: die Unis hier sind seit drei Monaten besetzt, d.h. die Unis sind verriegelt und die Studenten wohnen darin. Jede Woche gibt es mindestens 1-2 Demonstrationen, d.h. Märsche, die eigentlich friedlich sind, aber zum Ende hin eigentlich immer eskalieren. Das führt dann z.B. dazu, dass die Metro nicht mehr fährt oder auf einmal schwer uniformierte Polizisten durch die Stadt laufen.


Zuerst einmal: Mir geht es gut. Ich bin in Sicherheit und weder wohne noch studiere in der "Gefahrenzone". Also alles gut :)

Da halt eigentlich gar keine Vorlesungen stattfinden, hat die Uni für uns über Nacht extra Kurse zusammengeschmiedet, d.h. geguckt was in den letzten Jahren am häufigsten belegt wurde, und diese Kurse schon mal für uns Austauschschüler starten lassen. Klar, dass es nur eine sehr begrenzte Anzahl an Kursen ist, die sich auch noch häufig überschneiden. Zuerst hieß es, dass wir erst mal alleine anfangen und die chilenischen Studenten irgendwann (man sprach von 2 Wochen) dazu kommen, wenn der Streik vorbei ist, aber so langsam glaubt keiner mehr so recht daran. Wir sind jetzt schon seit 3 Wochen in der Uni, außerdem müssten die Chilenen noch die letzten 3 Wochen vom alten Semester beenden. Das sind also schon mehr als 6 Wochen Unterschied, die kaum aufzuholen sind. So passiert es also, dass wir nur mit anderen Austauschstudenten Unterricht haben, teilweise zu dritt oder viert in einer Vorlesung. Anscheinend sind auch schon um die 30 Studenten wieder abgereist, weil sie ihre Kurse nicht machen können und damit ein ganzes Semester Studienverzögerung hätten. Andere bekommen ihre Stipendien nicht, weil sie bestimmte Kurse nicht belegen können und müssen jetzt auch wieder abreisen.  Außerdem hat die Uni ein Gebäude in Vina del Mar angemietet, was noch mitten in den Renovierungsarbeiten steckte als wir ankamen, da ja alle Unigebäude besetzt sind. Außerdem ist es dort sicherer als in Valparaíso (die beiden Städte liegen genau nebeneinander, ca. 20-30 Minuten mit der Metro), sodass zumindest im August alle Vorlesungen hierhin verlegt wurden.
Und da ja immer so viel über die Demonstrationen erzählt wird, habe ich mir das mal zusammen mit Fridtjof angeguckt, ganz nach dem Motto: Mittendrin statt nur dabei. Irgendwie fand ich es super asi als Tourist da zu stehen und Fotos und Videos zu machen, aber ich denke es ist schon extrem wichtig sowas fest zu halten und auch zu verbreiten. Fridtjof hat dann dieses kleine Video gebastelt: 


Demo vorm Regierungsgebäude
Dies war der friedliche Teil
Fridtjof & ich im Kampf gegen das Tränengas
Händler verbrennen Pappe und das Gas gleich mit
Vermummte Leute, die Zitronen essen
Wie man sieht hatte ich echt schon ein bisschen schiss (obwohl es im Video gar nicht sooo schlimm wirkt). Wenn dann auf einmal die Rauch- und Tränengasbomben und Steine fliegen, die Wasserwerfer rollen und die Menschen rennen wird einem schon anders. Man fühlt sich echt wie im Krieg. Zuerst ist alles ruhig und es sind ruhige Märsche und es wird gesungen und getanzt, aber man merkt, dass die ganze Zeit etwas in der Luft liegt. Alle warten darauf, dass etwas passiert. Viele sind vermummt, teilweise wegen des Rauchs, teilweise sieht man Leute Steine sammeln (in Faustgröße) oder sogar Steine aus Mauern heraustrennen und „zerkleinern“. Überall essen die Leute Zitronen, weil das angeblich gegen das Tränengas helfen soll, was übrigens eine ganz schön fiese Angelegenheit ist. Es zieht einfach überall rein und man kann nichts dagegen machen, auf einmal heult man wie ein Kleinkind und die Nase juckt.
Dieser junge Herr bedient sich z.B. gerade an dieser Mauer und macht sich sogar die Mühe die Steine auf Faustgröße zu zertrümmern, um sie anschließend auf Polizisten zu werfen
Das sind nur so kleine Eindrücke von unserem kleinen Demo-Besuch, ein typischer Donnerstag in Valpo halt. Als Studentenvisumträger dürfen wir uns übrigens nicht politisch äußern. Es gibt hier ziemlich oft abends einen Lärmprotest, d.h. die Studenten ziehen z.B. mit hupenden Autos, Trillerpfeifen und mit Löffeln auf Töpfe schlagend durch die Straßen. Man munkelt, dass eine Austauschstudentin auch mit einem Topf mitgegangen ist und von der Polizei angehalten wurde. Sie wurde anscheinend direkt nach Santiago zum Flughafen gebracht und ohne zu packen in den nächsten Flieger heimwärts geschickt. Die Nerven hier liegen also ziemlich blank.

Also um das klar zu stellen: zu sagen hier ist es ruhig wäre gelogen. ABER: man weiß wo die Märsche sind, wann sie sind und wo man sich besser fern halten sollte. Auch die Uni passt ziemlich auf, dass uns nichts passiert und lässt morgen und übermorgen sogar die Uni in Vina del Mar ausfallen, weil nationale Proteste angekündigt sind.
Im Großen und Ganzen steigt die allgemeine Frustration unter den Austauschstudenten. Es sind nicht nur die interessanten Kurse und Credits die Fehlen, sondern auch das ganze Universitätsleben. Es gibt kein Uni-Gebäude, keine Studentenparties, keine Sportkurse oder andere gemeinsame Aktivitäten, und natürlich am allerschlimmsten: es gibt keine Chilenen! Mein Spanisch ist immer noch grottig schlecht und die Wahrscheinlichkeit später einen französischen, deutschen oder amerikanischen Akzent samt Fehlern zu haben ist sehr viel größer als „chilenisch“ zu sprechen. Es ist einfach unglaublich hart Chilenen kennen zu lernen, weil man nie mit ihnen in Kontakt kommt, bzw. nicht oft genug um eine Freundschaft aufzubauen. Jetzt gerade kann ich behaupten genau eine Chilenin zur Freundin zu haben, und das auch nur durch Zufall. Aaaaaaaber, davon lassen wir uns trotzdem nicht runterziehen. Ich habe hier schon ein paar ziemlich gute Freunde gefunden und schon einige Reisepläne geschmiedet. Ich kann guten Gewissens verkünden, dass ich mich hier absolut wohl fühle und großartige Sachen erlebe, auch wenn der Streik halt manchmal schon nervt. Kann allerdings auch praktisch sein, die freien Tage fallen genau auf den Geburtstag meiner Freundin... ;)

In diesem Sinne cheeeeriiooo  und bis bald, drücke euch :)

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